Der Elchengel - 21. Türchen

21.12.2017

Der letzte Brief war nun heute dran.

Linny zögerte kurz, bevor sie ihn aufnahm.

"Was hast du?", fragte der Elch.

"Ich weiß nicht, ob das nicht eine Nummer zu groß ist für mich". Sorgenvoll schob sie die Augenbrauen nach oben.

"Vertraust du nicht mehr"?

"Doch ... aber wo fangen wir bloß an? Der letzte Brief ist der "Frieden" ... und wo sollen wir den abwerfen? Müssen wir zu einem Staatsoberhaupt, zu einem Präsidenten"?

"Nun", sagte der Elch, "weißt du, es ist besser, wenn wir an der Basis ansetzen. Du musst dir das vorstellen wie bei einem großen starken Baum. Der ist genau deshalb so groß und stark, weil seine Wurzeln kräftig und weit verzweigt sind. Oder stell dir einen Eisberg vor - wenn du die Spitze abschlägst, ist das, was du nicht siehst, der ganze große Rest unter der Wasseroberfläche noch immer vorhanden. Wenn aber die Basis schmilzt, schmilzt auch die Eisspitze".

Linny hatte aufmerksam zugehört. "Wo also fliegen wir hin"?

Der Elch war ernst und erwiderte: "Linny, wir fliegen direkt in ein Kriegsgebiet".

Und so machten sie sich auf den Weg.

Natürlich dauerte es etwas, aber auch nicht so lange, denn die magische Elchkraft bewährte sich auch dieses letzte Mal.

Sie überflogen eine Gegend, die grauenvoll aussah.

Alles zerstört, sämtliche Häuser zerbombt, kaputt, nur noch Steine, Ruinen, Asche.

Linny wurde tieftraurig.

Unter sich sahen sie eine Gruppe Soldaten, die schon seit Tagen Stellung bezogen hatten und ein Haus unter Beschuss hielten.

Sie waren nicht mehr viele, mehrere Kameraden hatten es nicht geschafft. Und vermutlich waren auch in der gegenüberliegenden Ruine nicht mehr viele Rebellen.

"Wirf jetzt den Brief", rief der Elch.

Einem der Soldaten, der sich kurz ausruhen wollte und sein Gewehr abgelegt hatte, fiel der Brief in den Schoß, er öffnete ihn sofort, las ihn und beugte sich zu seinem Kameraden.

"John, ich habe genug. Ich gehe jetzt. Ich werde nicht mehr weiterkämpfen. Ich weiß gar nicht, wofür und warum. Das ist ein Irrsinn hier, das alles. Früher dachte ich wirklich mal, für eine gute Sache zu kämpfen, aber was ist gut an diesen vielen Toten, vor allem auch an den zivilen Opfern"?

Der zweite Soldat las den Brief ebenfalls und meinte dann: "Du hast Recht, lass uns aufhören. Ich will Weihnachten bei meiner Frau und meinem Sohn sein". 

Und der dritte Soldat las den Brief und hatte eine Idee. "Geht ihr. Euch wird nichts passieren. Ich werde die weiße Fahne schwenken und hinübergehen. Ich denke, es hilft, wenn ich den Brief mitnehme.

Und so taten sie es.

In der anderen Ruine sahen die Männer einen Soldaten mit weißer Fahne auf sich zulaufen. Er hielt einen dunkelblauen Umschlag in der Hand, mit einem Stern darauf. Einer der Rebellen war mutig genug und verließ sein Versteck und lief ihm entgegen. Die Anderen sahen zu, wie er den Umschlag entgegennahm, einen Zettel ansah und dann ganz plötzlich den Feind umarmte. Was war da nur los? Er winkte den Anderen, und nach und nach kamen alle aus der Ruine und versammelten sich in der Mitte der zerstörten Häuser.

Auch ein paar Soldaten aus anderen Gebäuderesten stießen noch dazu.

Sie waren ebenso dreckig und müde wie die Rebellen. Einige waren verwundet.

Reihum ging der Brief und die Stimmung veränderte sich. Einer fing an zu lachen, zwei andere klopften sich auf die Schulter, und noch einer begann zu weinen.

Alle waren irgendwie ergriffen. Viele von ihnen bemerkten ein buntes Glitzern am Himmel. fast wie ein kleines Feuerwerk oder einen bunten Schweif, der sich aber weiter weg bewegte.

Und schließlich gingen sie alle auseinander - ein jeder seines Weges. In eine neue Zukunft, eine friedvolle, so ahnten einige.

Der, der sich entschlossen hatte, seinem Kommandanten Meldung zu machen, nahm den blauen Umschlag mit dem Stern mit, denn er ahnte, dass er ihn brauchen würde.

 

 

 

 

 

 

 

 

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